Web 2.0

(Beitrag im Online-Verwaltungslexikon olev.de, Version 2.21r)

1 Definition

  1. "Mitmach-Web", das durch die Aktivitäten der Nutzer gestaltet wird, nicht durch Anbieter von Inhalten: Das Internet mit den durch entsprechende Programme (siehe unten) bereit gestellten Eigenschaften der Interaktivität, dezentraler Steuerung und Selbstorganisation, Netzwerkbildung, Bereitstellung von Leistungen und Inhalten durch die Nutzer selbst (Autopoiese).
  2. Eine Klasse von Internetangeboten, deren Inhalte von den Nutzern selbst stammen, von ihnen für andere Nutzer zugänglich gemacht werden und damit die Weiterentwicklung der Inhalte und die Kommunikation zwischen den Nutzern ermöglichen.

2 Weitere Informationen

2.1 Bedeutung / Potenzial von Web 2.0

Mit den Eigenschaften des Web 2.0 wird das Internet zur Plattform mit neuartigen Möglichkeiten für berufliche wie für soziale, politische und private Zwecke (die Programme im einzelnen siehe unten):

Damit bekommt das Internet ein Potenzial und eine Dynamik, die von Anbietern selbst nicht erreicht werden könnte, und eine Offenheit für Entwicklungen, die nicht planbar ist und sein soll, dafür aber neue Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten bietet, die über zentral verwaltete Angebote weit hinausgeht.

2.2 Grenzen / Probleme: die 90-9-1-Regel

Vor einer Überschätzung sozialer Medien ist zu warnen: nach einer gängigen Faustformel (90-9-1-Regel) sind 90% der Nutzer passiv, nutzen Inhalte, aber bringen selbst keine ein, während 1% der Nutzer sehr aktiv sind und 90% der Inhalte produzieren: damit bestimmt diese kleine Gruppe der sehr aktiven Nutzer, was sich in den sozialen Medien widerspiegelt (nicht zwangsläufig die Wirkung: das ist auch abhängig von den passiven Nutzern, die auch Multiplikatoren im realen Leben sein können).

Die 90-9-1-Regel bedeutet auch, dass die Inhalte von sozialen Medien nicht repräsentativ sein können, z. B. auf Kunden-/Bürgerbefragungen, Meinungsumfragen nicht verzichtet werden kann.

Web 2.0 erlaubt es also sozialen Bewegungen wesentlich wirkungsvoller zu handeln, siehe die Kampagne von Barack Obama 2008, aber die Hoffnung, damit das Verhältnis zum Bürger/Kunden auf eine neue Grundlage stellen, das Wissen Außenstehender nutzbar machen zu können, ja selbst internes Wissensmanagement erfolgreich betreiben oder andere gesellschaftliche oder aber innerorganisatorische Probleme lösen zu können, ist u. U. trügerisch.

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2.3 Wichtige Anwendungen des Web 2.0

  1. Cloud Computing: Arbeiten im Netz: die Programme für Textverarbeitung, Präsentation, Betreuung von Kunden usw. werden von Anbietern im Netz bereit gestellt, die Daten werden im Netz gespeichert. Anwendungen und Daten stehen damit ortsunabhängig und unabhängig von den lokalen Ressourcen zur Verfügung, auch für den gemeinsamen Zugriff von Arbeitsgruppen usw. Damit wird keine lokale IT-Infrastruktur mehr benötigt, und Leistungen werden nur entsprechend dem Bedarf bereit gestellt, möglicherweise von verschiedenen Anbietern, die jederzeit für Aktualität der Programme sorgen.
  2. Blogs: digitale Tagebücher, die von Lesern diskutiert und kommentiert werden können. Sie geben bewusst die persönliche Sicht des Verfassers/der Verfasserin wieder, können thematisch orientiert oder auch frei - je nach persönlicher Entscheidung - gehalten sein.

    Blogs werden auch für politische Themen von gesellschaftlichen Gruppen und Akteuren, zunehmend auch von Politikern/Politikerinnen genutzt.

  3. Wikis: Informationssammlung über Sachthemen, nach dem Muster von "Wikipedia", aber auch beschränkt möglich: thematisch (Stadt-Wiki, Wiki zu E-Learning usw.), Personenkreis (Gruppe von Studierenden), oft mit Links auf Quellen und weitergehende Informationsangebote. Beispiele: Stadtwikis, Wikis zu sozialen und Umweltthemen, das Wiki zu diesem Online-Verwaltungslexikon.
  4. Communities/soziale Netzwerke: Myspace, Facebook, Xing oder StudiVZ: hier können die Nutzer Informationen über sich selbst, ihre Ansichten und/oder anderes präsentieren, Kontakte knüpfen und Netzwerke bilden, indem sie z. B. die Kontakte ihrer Kontakte einbeziehen.
  5. Politische Netzwerke: soziale Netzwerke, die aktiv auf Politik und Wahlen Einfluss nehmen sollen, wie die Netzwerke, die im US-Wahlkampf 2008 einen wichtigen Beitrag zum Ergebnis hatten. Seitenanfang
  6. Foto- und Videoportale wie Youtube, in denen Nutzer Inhalte einstellen, die dann von allen anderen eingesehen und kommentiert werden können.
  7. Foren: Diskussionsplattformen: Beiträge können eingestellt und diskutiert und kommentiert werden. Typisch ist es auch, Fragen einzustellen, auf die andere Nutzer antworten.

    Foren eignen sich auch als Mittel der Selbsthilfe der Betroffenen und zu Themen von öffentlichem Interesse.

  8. Social Bookmarking: Internet-Lesezeichen, mit denen Benutzer/innen Links auf ihrer Meinung nach interessante Webseiten sammeln und anderen mitteilen, diese Links u. U. auch kommentieren. Seitenanfang
  9. Bewertungsportale: Hier entstehen Meinungen über Konsumgüter, Lehrkräfte, Ärzte usw., die eine erhebliche öffentliche Wirkung haben können. Systematisch verwendet z. B.
    • von Internet-Marktplätzen wie Ebay oder Buchungsseiten (Hotelbuchungen), dadurch auf einer breiten und damit verlässlicheren Basis, da alle, die das Angebot genutzt haben, zur Bewertung aufgefordert werden, oder
    • Seiten, über die Konsumgüter vertrieben werden (Amazon) oder die Informationen über Konsumgüter im Netz sammeln und bereitstellen, weshalb die Bewertungen auf eher zufälliger Basis erfolgt (Gefälligkeitsurteile ebenso möglich sind wie die Dominanz von Beschwerden)
    • aber auch "spickmich.de" oder die Bewertung von Ärzten als Projekt der gesetzlichen Krankenkassen.
  10. "Twitter & Co.": Verbreitung von Kurz-Meldungen (Nachrichten, Meinungen, Aufforderungen): Twitter (allgemein zugänglich) bzw. Yammer (für geschlossene Gruppen) u. a. Anbieter: Kurzmeldungen, die an diejenigen verbreitet werden, die sie "abonniert" haben und die sie ihrerseits weiterleiten können, so dass innerhalb kürzester Zeit sehr viele Menschen informiert werden können (von Barack Obama im US-Wahlkampf 2008 eingesetzt). Weil die Informationen sehr persönlichen Charakter haben können, aber nur sehr kurz sein dürfen, auch als Mikro-Blog bezeichnet. Bekannt geworden auch als Instrument für gewerkschaftliche Aktionen:" Flash Mobs" oder "Smart Mobs".

  11. Gästebücher: Erlaubt Nutzern Kommentare, kann ähnlich wie ein Forum genutzt werden. Angebote von Ministerien, sich zu Gesetzentwürfen oder bestimmten politischen Themen zu äußern, haben z. T. nur die Qualität eines "Gästebuchs" oder sind vergleichbar einer Sammlung von Leserbriefen.
  12. Einholung von Meinungsäußerungen zu Gesetzgebungsvorhaben oder anderen Themen (z. B. Aktion des BMI: "Ihre Meinung zählt: Diskutieren Sie vom 6. April bis 4. Mai mit." Es kamen 19 Stellungnahmen). (Online-Quelle). Z. T. haben diese Beteiligungsmöglichkeiten eher die Qualität von Gästebüchern.
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  13. Bürgerbeteiligung: direkte Beteiligung der Bürger/innen, z.B. das Projekt „Haushaltsplanung 2.0“ der Stadt Köln: Kölner Bürgerhaushalt „Deine Stadt. – Dein Geld“:

    Nach Registrierung können Vorschläge gemacht, vorhandene Vorschläge kommentiert und ein Votum (ja/nein) zu eingereichten Vorschlägen abgegeben werden. Die Vorschläge mit den meisten Stimmen werden geprüft.

    Die Statistik für den Bürgerhaushalt der Stadt Köln 2008 verzeichnet:

    Beteiligung am Bürgerhaushalt 2008 der Stadt Köln
    Registrierte Personen 10 357
    Anzahl der Vorschläge 4 967
    Bewertungen 52 534
    Kommentare 9 171
    Vorschlags-Aufrufe 4 639 194

Den Stand der Diskussion und Verwendung von Bürgerhaushalten in Deutschland zeigt der nachfolgende Kartenausschnitt (Stand: Anfang Juni 2009):

Bürgerhaushalte in Deutschland
 SeitenanfangÜbernommen von http://www.buergerhaushalt.org/karte/ am 6. Juni 2009

Mehr dazu auf der Website Bürgerhaushalt.

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2.4 Web 2.0 für die öffentliche Verwaltung?

Das Potenzial von Web 2.0 wird für die öffentliche Verwaltung bisher kaum genutzt: Bürger helfen sich nicht gegenseitig im Umgang mit der Verwaltung (Ausnahme: im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme von Sozialleistungen), die Verwaltung ermöglicht keine Bewertung ihrer Angebote und schafft Möglichkeiten der Diskussion aktueller Themen oder gar die Einbeziehung des Sachverstandes der Bürger/innen, usw.

Dabei ist die nächste "Revolution" bereits absehbar: auf E-Government folgt M-Government: die Bereitstellung von Leistungen für die mobile Nutzung, mit zusätzlichen Anforderungen an das Leistungsangebot der öffentlichen Verwaltung.

 Seitenanfang3 Diskussion

Literatur-Tipp: Gerlach, Lutz / Hauptmann, Stefan: Twitter, Wiki, Blog & Co. - Web 2.0 im E-Government. In: Innovative Verwaltung 2009 Nr. 9, S. 45-46. Online-Quelle (kostenpflichtig)

Möglichkeit zur Diskussion dieses Themas gibt es unter http://www.wiki.olev.de, dem Wiki zu olev.de und damit selbst eine Web 2.0-Anwendung. Interessant sein könnten insbesondere: